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Liebe Yogis! Aparigraha wird oft mit Besitzbescheidenheit übersetzt. Bescheidenheit klingt doch toll – ist ja auch eine Tugend. Besitzbescheidenheit meint gewissermaßen, dass du mit dem zufrieden sein sollst, was du hast, und dass weniger oft mehr ist. Bei Aparigraha geht es aber nicht nur um Sachen, sondern auch um Immaterielles. In meinen Augen ist es aber nicht schlimm, wenn du viel hast und viel kannst oder weißt. Schwierig wird es nur dann, wenn du denkst, dass diese Dinge und dieses Know-how du bist oder du dir und alles, was du hast, nie genug bist.

Hintergrund zu Patanjalis Sutren, Geboten, Empfehlungen

Was nützt dir ein Gebot, wenn du dadurch nur ein schlechtes Gewissen dir oder anderen gegenüber bekommst, du aber dennoch nicht davon ablassen kannst? Nichts, außer, dass du dich dadurch noch schlechter fühlst. Ich habe mich die letzten Wochen intensiv mit der Reformation (Luther, Hus, Zwingli, Calvin …) beschäftigt, und Fehler/Sünde, Sühne und Vergebung sind eben zentrale Elemente dieser Reformatoren. Hier geht es aber meist darum, wie dir quasi deine Fehler von einer höheren Einheit „erlassen“ werden können. Bei Patanjalis Sutren geht es hingegen darum, wie du immer weniger Fehler machst und du dadurch ganz konkret ein glücklicheres, klareres Leben lebst. Es geht ums Jetzt und nicht ums Irgendwann.

Diese Gebote von Patanjali beschäftigen sich nie damit, dass du jetzt was Böses gemacht hast, und wie du deine Schuld „wieder los wirst“. Sie beschäftigen sich nur damit, wie du ein glücklicheres und zufriedeneres Leben führen kannst, ohne zu viele Fehler zu machen. Es geht primär um dich – nicht um eine nachgelagerte Instanz und wie die möglicherweise mit deinen Fehlern umgeht.

Gebote sollten dir ja in erster Linie dabei helfen, wie du dein Leben leichter und besser auf die Reihe bekommst. Wir denken ja immer, dass wir in absolut innovativen Zeiten unterwegs sind und quasi alles neu ist. Deswegen wiederholt sich die Geschichte auch immer wieder – wir erkennen die Wiederholung nur nicht. Jorge von Burgos sagte im Kinofilm von „Der Name der Rose“ in etwa: „Es gibt keinen Fortschritt in der Entwicklung des Lebens, sondern, sagen wir, eine wunderbare Wiederholung.“ Deswegen funktionieren diese gut 2000 Jahre alten Empfehlungen oder Gebote von Patanjali auch immer noch – egal, ob wir auf einer Buschtrommel trommeln und uns zentrieren oder den ganzen Tag auf Instagram anderen beim Leben zusehen – im Kern, sind wir die gleichen.

Wir können von Gedanken und Verhaltensweisen nur dann ablassen, wenn wir das Thema hinter dem Mangel durch Selbstliebe oder der Liebe der Schöpfung auflösen. Aber wie soll das gehen?

Aparigraha = Besitzbescheidenheit. Sich nicht mit seinem Besitz oder seinem Wissen zu identifizieren ist der Weg zu Selbstliebe und in die Befreiung. Ein Mann als Professor und als ganz normaler Mensch, der in einfacher Kleidung meditiert. Wer ist er?

Wenn wir einen Mangel von etwas haben, können wir den nicht einfach „verfüllen“. Wir verfüllen hier nie ein kleines Loch, wie etwa ein Loch in einem Weg, sondern kippen unendliche Materie und Immaterielles in ein schwarzes Loch, das dadurch nur immer noch größer wird. Es verschlingt alles, aber nichts leuchtet mehr daraus hervor. Nichts kann es komplett verfüllen – es ist unersättlich!

Deshalb hilft es uns viel mehr, uns anzusehen, warum wir überhaupt ein schwarzes „Mangel-Loch“ haben, das wir mit Haben und Wissen verfüllen wollen. Wenn wir wissen, was es als Ersatzfutter von uns bekommt, und uns klar wird, was uns eigentlich fehlt, können wir uns diese Liebe selbst geben (siehe den Blogartikel Hilfreiche Meditation auf Mitgefühl) oder von der Schöpfung Liebe senden lassen. Wenn unser eigentlicher Mangel ausgeglichen ist, wird sich das schwarze Loch selbst auflösen.

Patanjali

Im ersten Teil meiner Serie über Patanjali und den achtgliedrigen Pfad erfährst du, wer Patanjali war und wie du durch die Anwendung seiner Weisheiten dein Leben auf wunderbare Weise neu ausrichten kannst. Es geht nicht um Selbstkasteiung oder Einschränkungen – es geht um Loslassen und Konzentrieren, um dein wahres schöpferisches Sein zu erkennen und zu leben.

Yamas: Ahimsa bedeutet so viel wie Gewaltlosigkeit. Diese Gewaltlosigkeit adressiert sowohl dich als auch andere durch dich.

Definition von Aparigraha

Das Wort Aparigraha setzt sich aus der Negationssilbe „a“ und den Worten Pari und Graha zusammen. Pari bedeutet so viel wie „auf allen Ebenen“ und Graha kann man mit „nehmen“ oder „greifen“ übersetzen. Zusammengesetzt ergibt sich hier ein vielschichtiger Vorschlag: „Auf allen ideellen und materiellen Ebenen nicht einfach zu nehmen oder zu ergreifen.“

Das Problem hinter parigraha

Auch wenn man in einigen Büchern und auf Webseiten zum Thema Aparigraha liest, dass es sich hier um Besitzbescheidenheit oder Besitzlosigkeit, um Begierdelosigkeit usw. handelt, greift das immer zu kurz. Es geht nicht um das, was man vermeintlich will, sondern um das, was man damit erreichen möchte.

Viele Religionen und „Ismen“ fordern den Verzicht auf Hab und Gut oder den Wunsch danach. Die Gründe dahinter sind vielschichtig. Im Buddhismus sehe ich den Hintergrund, dass Besitz – egal ob materiell oder in Form von Wissen – Kraft bindet und uns in eine Verlustangst führen kann.

Ich kann Angst haben, dass ich meine Firma mit Produktionsstandorten in drei Kontinenten durch eine Wirtschaftskrise verliere. Ich kann allerdings auch Angst haben, dass mir jemand meinen einzigen Besitz, eine Reisschale, stiehlt und ich dann gar nichts mehr habe, außer vielleicht die Kleider, die ich am Leib trage. Hilft es mir, wenn ich nur eine Reisschale habe? Ich glaube, nein. Es hängt nicht davon ab, was du hast, sondern wie du dazu stehst. Es ist eine Frage des Bewusstseins!

Ich kann aber auch in meinem Leben ganz viel Wissen angehäuft haben, was mich zum Superhelden oder zu Superwoman in einem Thema macht. Die Herkunftsfamilie war vielleicht nie die allen bekannte reiche Familie X aus dem Dorf oder der Kleinstadt, und so blieb nichts anderes übrig, als schlau zu sein und verbissen zu lernen, um endlich etwas darzustellen. Papi und Mutti fanden das auch immer ganz toll, wenn du gute Noten nach Hause gebracht hast, und wenn du keine guten Noten nach Hause gebracht hast, haben sie dir erklärt, was vielleicht mal aus dir wird: nichts!

Aber du hast dich durchgebissen. Jetzt endlich bekommst du die für dich so wichtige Aufmerksamkeit und Ehrung von anderen zugesprochen. Alle sind ganz stolz auf dich, weil du es geschafft hast! Du gehst noch Monate am Morgen aus dem Haus und am Abend nach Hause, bevor dein Partner sagt, dass er mit deinem Assistenten telefoniert hat und dieser gesagt hat, dass du bei der letzten Umstrukturierung im vergangenen Frühjahr freigestellt wurdest.

Aparigraha = Besitzbescheidenheit. Sich nicht mit seinem Besitz oder seinem Wissen zu identifizieren ist der Weg zu Selbstliebe und in die Befreiung. Ein Mann sitzt auf einer Bank im Park, weil er in der Firma entlassen wurde, er aber nicht den Mut hat seiner Partnerin zu sagen, dass er nicht mehr der Held ist.

Wenn ich Angst davor habe, dass dieser oder jener „Besitz“ oder meine Identifikation damit weg sein kann, dann ist es mir vollkommen egal, welcher „wertvolle“ Gegenstand oder welche Eigenschaft das ist. Ich habe Angst vor dem Verlust – egal, was es ist. Auch wenn diese nur Ersatz für etwas anderes sind.

Wir haben gestern wieder mal „Die Glücksritter“ gesehen und darin sagt Billy Ray Valentine, gespielt von Eddie Murphy: „… alle, die Schweinebauchkontrakte besitzen, werden langsam mürbe. Die denken sich: Hey, wir verlieren unsere Mücken und Weihnachten steht vor der Tür und ich werde nicht mal genug Kohle haben, um meinem Sohnemann das neueste Computerspiel zu kaufen. Okay, und meine Frau wird nicht mehr mit mir … Liebe machen, weil ich kein Geld mehr habe. Klar? Also kriegen sie langsam Panik und brüllen: Verkaufen! …“1

Bei Aparigraha geht es darum, dass dein Besitz oder dein Wissen nicht Besitz von dir ergreift und er dich steuert und du nicht denkst, dass du das alles bist! Du warst Kind, hattest das alles nicht, und warst doch schon ganz du – oft noch mehr, als du es heute noch bist!

Aparigraha = Besitzbescheidenheit. Sich nicht mit seinem Besitz oder seinem Wissen zu identifizieren ist der Weg zu Selbstliebe und in die Befreiung. Eine Frau zückt die Kreditkarte und alle Verkäuferinnen freuen sich.

Aber wie kannst du das erreichen? Indem du dir klar machst, dass du nicht dein Besitz oder dein grandioses Wissen bist! Gut, als Kleinkind warst du noch ein totaler Dumpfbatz: konntest nicht lesen und schreiben, hattest keine Ahnung von Multiplikation und Bruchrechnen, von Leibniz (dem Erfinder des Butterkekses ;-), kanntest keinen Aristoteles und nicht den ersten Hauptsatz der Thermodynamik usw. Aber jetzt hast du endlich die Firma der Eltern übernommen, und schon beim Betreten des Lebensmittelladens huscht allen Verkäuferinnen ein schwungvolles „Schönen guten Morgen, Frau Müller-Lüdenscheid & Co. KG“ über die Lippen, das dir zeigt, dass du eine auserwählte Persönlichkeit (von Gottes Gnaden) bist. Aber vielleicht hast du irgendwann erkannt, dass sie nicht dich, sondern deinen Geldbeutel grüßen!

Das „schwarze Loch“ auflösen

Wenn du das Gefühl hast, dass es da etwas in deinem Leben gibt, das du durch Geld, Wissen und Macht kompensieren musst, weil du sonst kein toller, von allen geachteter und geschätzter Mensch bist, dann schließe nach dem Absatz die Augen. Frage dich, warum das so schlimm wäre, wenn du wieder nichts mehr hättest – so wie es schon mal in deinem Leben war. Damals. Frage dich, wo das war, wo du dir so sehr gewünscht hattest, dass sie dich alle schätzen und mögen? Wie ging es dir in dieser und ähnlichen Situationen? Was war das Schlimmste daran?

Und dann nimm dich – als du von damals – in dieser Situation in den Arm. Wie ein Kind, das von seiner Mama getröstet wird, und sende dir selbst auf die höchste und beste Weise Liebe – so viel das Kind von damals benötigt, bis es ihm langsam besser geht. Lass dir Zeit und fühle. Gebe dir alle Liebe, die es braucht, damit der Schmerz und der Mangel langsam leichter werden – und es wird leichter werden. Es ist eine alte buddhistische Methode. Schließe jetzt die Augen und lass dich führen. Dein Unterbewusstsein weiß meist ziemlich schnell, wo das war.

Aparigraha = Besitzbescheidenheit. Sich nicht mit seinem Besitz oder seinem Wissen zu identifizieren ist der Weg zu Selbstliebe und in die Befreiung. Einen Mangel können wir nicht durch Dinge und Wissen kompensieren. Ein schwarzes Loch im Kopf als Symbol für die Unmöglichkeit seinen Mangel zu kompensieren.

Fazit

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder von uns ein liebenswürdiger, liebenswerter Mensch ist, der es ohne etwas zu leisten, verdient hat, dass man ihn einfach so liebt. Außer bei mir selbst – da zweifle ich manchmal an mir. So geht es vielen. So sehe ich meine Themen an und löse sie auf – Stück für Stück. Ich kenne Menschen, die sich so viel „Wissen“ oder „Verhalten“ raufgeschaufelt haben, dass man ihr eigentliches Wesen kaum mehr erkennt, vor allem, wenn man sie schon lang kennt. Wir werden erzogen, etwas zu erreichen – etwas zu werden.

Dabei verlieren wir sehr leicht das, was wir schon immer waren, als wir noch nichts waren und doch schon vollkommen und auch vollkommen liebenswert waren. Diesen Kern bei Menschen zu erkennen und daran teilhaben zu dürfen, ist das Allerschönste. Andere an deinem echten Kern teilhaben zu lassen, ist die Basis für wunderbare Momente von Tiefe und Vertrauen. Dieser schöne Wesenskern ist immer zauberhaft und liebenswert – er hängt von nichts ab! In meinem Zeugnis der dritten Klasse schrieb mein geschätzter Lehrer damals: „Nur Mut!“

Aparigraha = Besitzbescheidenheit. Sich nicht mit seinem Besitz oder seinem Wissen zu identifizieren, ist der Weg zu Selbstliebe und in die Befreiung. Ein Paar bei einer tiefen, ehrlichen, verbundenen Unterhaltung. Wir sind nicht, was wir scheinen.

Mein New-Year-Special für dich

Du möchtest, dass dein Leben wieder auf deinem wahren Ich steht und du wirklich fühlst, dass du ein wunderbarer, einzigartiger Mensch bist und du dein wahres Sein erkennst? Du willst erkennen, dass du nicht deine Job-Description, dein Know-how oder dein Besitz bist und dass du so, wie du bist, wunderbar, einzigartig und absolut liebenswert bist?

Ich glaube, es war in meiner zweiten Kundalini-Yogastunde, als mir während der Meditation bei absoluter Ruhe in meinem Kopf auf einmal der liebevolle Gedanke „Mein Gott!“ kam. Ich war seit Jahrzehnten Atheist und doch auf einmal so dankbar für alles – für mein Leben. Es war einer der ergreifendsten Momente in diesem Leben, als ich wieder mein Herz für den Schöpfer und die Schöpfung öffnete, und wieder eins mit allem, was ist, war.

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Unser Programm

Zum Jahresstart beginnen wir mit einer leichten Übungsreihe für deine Wirbelsäule. Kundalini-Yoga und Wirbelsäule sind eng verbunden. Eine flexible Wirbelsäule steht nicht nur für einen flexiblen Umgang mit dem/deinem Leben, sondern auch für einen leichteren Aufstieg der Kundalini-Energie und damit für mehr Bewusstsein in deinem Leben. Mehr Klarheit in deinem Leben erreichst du nur durch mehr Bewusstsein.

Bewusstsein ist der Schlüssel zur eigenen Freiheit und zur Liebe zu allem, was ist – der Weg des Buddha. Nach der Tiefenentspannung machen wir wegen der großen Nachfrage die „Sat Kar Tar“ Meditation. „Sat Kar Tar“ steht für „Der Schöpfer macht es“ oder „Gott ist der Handelnde.“ Das macht dich aber nicht zu einer Art Marionette – ganz im Gegenteil. Schöpfer und Schöpfung sind im Glauben der Sikhs ik = 1 d.h. du bist der Gestalter deines Lebens. Ich möchte wirklich niemanden zu einem Glauben bringen – das ist nicht meins. Aber vielleicht inspiriert dich dieser Blogartikel über das Mool-Mantra, wie es mir damals ging, und wie mir dieser Ansatz half, mich wiederzufinden.

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Liebe Grüße — SAT NAM,
Jürgen Raj Arjan Singh

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gl%C3%BCcksritter_(Film) ↩︎

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