Lesedauer 7 Minuten

Liebe Yogis! Brahmacarya (gesprochen Brahmatscharia) bedeutet so viel wie „Verhalten oder Weg zum Schöpfer“. Sikhs glauben, dass Schöpfer und Schöpfung 1 (ik) sind, d.h. der Weg zum Schöpfer führt dich zu all dem Göttlichen in dir als Teil der Schöpfung. Es geht also nicht darum, an einem unbekannten Ort anzukommen (Route von dir zum Schöpfer ca. 3 Mrd. km +-), sondern das Göttliche in dir zu erkennen (Distanz 0 km). Brahmacarya zeigt dir, wie du durch das für dich rechte Maß mehr Klarheit und Bewusstsein auf alles erhältst. Es ist dein Weg nach innen, um Freiheit und Einssein zu leben und die Dualität von dir zu allem anderen aufzuheben.

Im vierten Teil dieser Reihe über den achtgliedrigen Pfad des Patanjali sehen wir uns das Thema Brahmacarya an. Brahmacarya beschreibt eher den Weg, als das Ziel. Der Aspekt des Weges, auf den hier besonders Wert gelegt wird, ist die Mäßigung. Mit Mäßigung oder Selbstdisziplin konnte ich früher nicht wirklich was anfangen, denn ich fühlte die Spannung zwischen Freiheit (die ich für meine persönliche Entfaltung brauchte) und diesen ganzen „Vorgaben“ – woher sie auch immer kamen – fast schon körperlich. Deswegen meine Ablehnung an noch mehr Einschränkungen.

Brahmacarya: Eine Frau liest ein Yogabuch, während sie am Smartphone tippt und im Hintergrund einen Film am Fernseher ansieht.

Bei Mäßigung und Selbstdisziplin geht es hier aber nicht so sehr um fremde Einschränkung, sondern um selbst gewählten Verzicht im besten Sinne des Wortes. Verzicht muss nicht bedeuten, dass dir dann was fehlt (ich muss gerade an die Fastenzeiten usw. denken), sondern, dass du durch Weglassen von „zu viel“ ruhiger und friedvoller wirst. Dieses Weniger von allem erleichtert dein tägliches Leben ganz konkret und hilft dir dabei, noch mehr 1 zu werden, ohne die ganze Zeit abgelenkt zu sein.

Patanjali

Im ersten Teil meiner Serie über Patanjali und den achtgliedrigen Pfad erfährst du, wer Patanjali war und wie du durch die Anwendung seiner Weisheiten dein Leben auf wunderbare Weise neu ausrichten kannst. Es geht nicht um Selbstkasteiung oder Einschränkungen – es geht um Loslassen und Konzentration, um dein wahres schöpferisches Sein zu erkennen und zu leben.

Yamas: Ahimsa bedeutet so viel wie Gewaltlosigkeit. Diese Gewaltlosigkeit adressiert sowohl dich als auch andere durch dich.

Definition von Brahmacarya

Das Wort Brahmacarya setzt sich aus den Wörtern Brahman (das Absolute, der Schöpfer, Gott, …) und charya, das so viel wie „Geschehen, Verhalten“ bedeutet, zusammen. Es geht also um das Verhalten, das uns noch näher an Schöpfer und Schöpfung bringt.

Brahmacarya durch etwas Mäßigung

Brahmacarya ist das „rechte“ Maß in allem – es geht um Selbstdisziplin oder, schöner formuliert, um Mäßigung. Wenn wir uns freiwillig in die reißenden Flüsse aller möglichen inneren und äußeren Einflüsse in unserem Leben begeben, sind wir nicht mehr Herr auf unserem Boot und wir werden einfach mitgerissen. Damit verlieren wir im Leben das Gefühl, dass wir gerade den rechten Weg, den schöpferischen Weg, den Weg mit einem tiefen Gefühl von Liebe und Sinn gehen.

Ich glaube nicht, dass der Weg der Schöpfung immer ein lauer einfacher Weg ist, aber ich glaube, dass wir Einfluss darauf haben, welchen Fluss wir wählen. Wenn du davon ausgehst, dass es eine Schöpfung gibt, alles Teil dieser Schöpfung ist, dann wirken die Gesetze der Schöpfung auch in dir – ob du willst oder nicht. Du kannst einen Weg mit dem Fluss der Schöpfung gehen oder einen gegen die Kräfte der Schöpfung – im zweiten Fall schwimmst du permanent gegen den Strom – das wird anstrengend!

Brahmacarya und Sexualität

Beinahe alle Religionen empfehlen Menschen, Sexualität im Einklang mit der Schöpfung zu leben. Es geht darum, sich nicht in der Sexualität zu verlieren. Dazu gehört meist auch eine 1:1-Beziehung. Der weibliche Zyklus ist der Zyklus des Mondes. Der Mann unterliegt diesem Zyklus nicht und für viele Männer ist ein Monatszyklus eine Herausforderung …

Brahmacarya: ein Paar hält sich im Arm in den 1930er Jahren. Es braucht nicht viel um wirklich glücklich zu sein.

Eine Möglichkeit, seine Sexualität etwas entspannter leben zu können, ist, sich nicht permanent den überall verfügbaren, anregenden und erregenden Einflüssen auszusetzen. Wenn man im Internet oder in den Medien (egal ob Social Media, YouTube oder Fernsehen) unterwegs ist, trifft man auch ohne eigenes Zutun auf entsprechende Angebote. Sex sells d.h. es geht rein ums Geschäft, geht aber nicht spurlos an uns vorbei – wir diskutieren das Thema gleich noch.

Bei Brahmacarya geht es aber ausdrücklich nicht um so etwas wie zölibatäres Leben, d.h. dem Entsagen von jeglicher körperlicher Zärtlichkeit und Sexualität. Wir wissen seit Jahrtausenden, dass es fast nie funktioniert hat, wenn sich Menschen ein Leben ohne Sexualität erwählen und diese Energie negieren. Die einen argumentieren, dass man nicht Jesus und einer Familie folgen kann, die anderen machen das täglich und integrieren die Schöpfung vollständig. Ich glaube, bei vielen liegt auch die seit Jahrtausenden bestehende, tief verwurzelte religiöse Ablehnung von Sexualität als „unsittlich“ zugrunde.

Wenn man sich mit mittelalterlichen Texten zu diesem Thema befasst, dann findet man dort immer wieder die tierisch-animalische Komponente der körperlichen Liebe, die aus eigentlich guten Menschen „Tiere“ macht. Das ist das Problem, das zwischen dem 4. und 7. Tag der Schöpfung entsteht, wenn man die Schöpfung so sieht, dass sie „gemacht wurde“. Das ist zwar stark verkürzt und komprimiert, aber trifft im Kern die Moralvorstellung über lange Jahrhunderte. Einen interessanten Artikel zum Thema findest du unter „Sexualität im Mittelalter“.

Aber warum stellt die Sexualität bei Mensch und Tier eine so starke Kraft oder Energie dar? Weil es uns sonst nicht geben würde – Schöpfung will und wird sich immer wieder neu schöpfen. Wenn wir wesentliche Teile unseres Lebens nicht leben oder akzeptieren, werden wir in der Regel krank, weil wir nicht im Sinne der Schöpfung leben.

Wir können gewisse Körperfunktionen nicht einfach abschalten, wie wir einen Wasserhahn abdrehen, nur weil wir selbst verkorkste Gedanken im Kopf haben – wer auch immer sie dort eingepflanzt hat. Deswegen gibt und gab es immer wieder diese Auswüchse, weil sich alle Energie einen Weg sucht. Unter dieser in meinen Augen falsch verstandenen „Moral“ bahnte sich die Kraft der Schöpfung allerdings immer einen Pfad – leider traf und trifft es meistens die Schwächsten. Es ist ein Elend, als „Tugend“ getarnt!

Es gilt, unser Menschsein in allem zu akzeptieren und durch einen für uns Menschen realistisch gehbaren Weg zu leben. Diesen Weg beschreiben die Sutren des Patanjali.

Brahmacarya durch Entlastung von „aussen“

Sinnesentlastung beschreibt den Weg von Brahmacarya durch die Reduzierung von äußeren Eindrücken: Fernsehen, Internet, Social Media, Bücher, Zeitschriften usw. Eigentlich ist permanent um uns herum ein Angebot von Informationen. Wir glauben, dass diese Informationen auf uns keinen Einfluss haben, weil wir sie ja nur ansehen – wir bleiben die gleichen. Aber je mehr Infos bei uns eintreffen, desto mehr verändert sich unser Gehirn unter ihrem Einfluss.

Das Gehirn lernt nicht, indem wir ihm etwas „befehlen“ – es lernt einfach durch reine Wahrnehmung und Wiederholung, egal über welchen Sinneskanal diese Information in unserem im Dunkeln lagernden Gehirn eintrifft. Wir sehen ein Video und die sachliche Stimme im Hintergrund erklärt uns etwas und schon verdrahtet sich unser Gehirn neu und speichert das. Je öfter, wir etwas (Ähnliches) hören, desto stärker werden diese Gehirnautobahnen und irgendwann werden sie so stark, dass „uns alles klar ist“. Wir haben es ja schon so oft gehört – da gibt’s keine Fragen mehr! Plötzlich bist du ein Borg und hast es nicht gemerkt.

Ob wir uns durch die wichtigen Nachrichten von außen programmieren lassen (News sind ja rein objektiv, es sei denn, man hört sie vom „Feindsender“ – hatten wir auch schon vor nicht allzu langer Zeit und davor auch schon mal, …). Anschließend war der Feindsender wieder der richtige Sender – du merkst, es ist wie in meinem Blogbeitrag „Adieu Gut und Schlecht“ – so kommen wir nicht weiter.

Brahmacarya: Ein Mann hat seinen Fernseher, Smartphones, Notebooks in den Kühlschrank gepackt, damit er wieder Ruhe hat.

Ich empfehle dir für mindestens 40 Tage den Fernseher und das Radio auszulassen. Gönn dir doch mal einen längeren Urlaub von all dem Gedöns. Überprüfe deine privaten Mails am Anfang nur noch einmal am Tag und schließe dann das E-Mail-Programm wieder (du kannst auch langsam auf alle 3 Tage reduzieren). Wenn die Welt untergehen sollte, wird dich jemand informieren – du kannst sicher sein, dass noch genug andere für dich die News lesen. Lese du stattdessen lieber ein schönes Buch, z.B. „Patanjalis 10 Gebote der Lebensfreude“ von Birgit Fels Carrasco oder höre dir auf Youtube den mehrteiligen Vortrag „Grundlagen des Buddhismus“ vom Kanal „Buddhas Weg“ an.

Man kann keinen klaren Gedanken haben, wenn man auf einer „Grossdeponie der Sinnesbelastung“ lebt. Wie haben wir das eigentlich früher als Kinder geschafft? Wir haben mit den Eltern ein Spiel gespielt, sind raus in die Natur und haben uns den Wind um die Ohren pfeifen lassen, während wir den Geruch des Herbstes aufgesogen haben. Daran erinnern wir uns nach 50 Jahren noch heute.

Du kannst aber auch einfach mal alles weglassen und dich allein an den Waldrand oder einen Fluss setzen und meditieren – hör mal, was dein Inneres sagt. Vielleicht fragt es dich auch: „Wer sind Sie denn?“ Viel Vergnügen!

Auch die Entlastung von Essen kann sich positiv auf unseren Körper auswirken. Unser Körper braucht nicht dauernd mit Speisen befüllt zu werden. Das tut ihm nicht gut. Es ist für unseren Körper viel besser, wenn er zwischen den Mahlzeiten auch wieder mal Pause vom Verdauen hat. Das dauernde Essen hat meist ganz andere Gründe. Nimm dir doch mal etwas Zeit und frag dich, warum du ständig Essen in dich reinschieben musst.

Brahmacarya-Fazit

Diese ganzen Tipps, die ich dir oben gegeben habe, zielen alle darauf ab, dass du deinen Geist und deine Energie bei dir behältst und nicht verplemperst. Du sollst auch kein Borg sein, sondern dich erkennen. Wenn du dich erkennst, kannst du auch leichter andere wirklich erkennen. Wann immer du mit deinen Gedanken im Außen bist, bist du nicht bei dir, d.h. du bist bewusstlos im Konsum und damit nicht mehr Herr oder Frau deiner Energie und Gedanken.

Um wieder Klarheit und Hoheit über dich zu bekommen, ist es hilfreich, wenn du dich wieder auf dich selbst besinnst. Wenn du bei dir bist, ist dein Nervensystem auch nicht permanent überreizt. Wenn du ruhig bist und bleibst, wirst du und alle anderen das merken. Deswegen sage ich nach jeder Yogastunde:

Unser Programm

Mit der Übungsreihe wirst du dir wieder deines freien eigenen Willens im Sinne der Schöpfung bewusst. Die Schöpfung, der Schöpfer, alles 1 bist du. Du fühlst in dich hinein und gehst dann deinen Soul-Path, deinen Seelenpfad. Niemand wird dich tragen oder im Fernsehsessel hinrollen. Es ist wie beim Herrn der Ringe (frei zitiert): „Wenn du den Weg nicht gehst, wird es keiner tun.“

Diese Übungsreihe wird dir die nötige Kraft und die Ausrichtung geben. Nach der Tiefenentspannung machen wir eine 31 minütige Meditation mit dem Mantra Pavan Guru. Die Meditation leitet dich dabei an, wie du deine „Vorsehung“ umschreiben kannst und wird dir im Sinne von Brahmacarya Klarheit durch Reduzierung geben. Du bist nicht ein Opfer „der Umstände“ – du wählst und gehst deinen Weg mit einer klaren Ausrichtung voller Vertrauen und Kraft. Dabei unterstützt dich diese Meditation wunderbar.

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Liebe Grüße — SAT NAM,
Jürgen Raj Arjan Singh

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